Jede Zeit prägt ihre eigene Vorstellung von Familie. Gesellschaftliche Strukturen beeinflussen das Leben von Eltern und Kindern, aber auch jede Familie muss für sich herausfinden, wie sie Elternschaft gestalten und Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung aufteilen will. Eine Herausforderung — und es gibt nicht die eine richtige Antwort.

Text: Sigrid Frank-Eßlinger

In Karlsruhe leben derzeit in knapp 27.000 Haushalten Kinder. 6.500, also jede vierte dieser Familien, hat ein alleinerziehendes Elternteil; in den restlichen gut 20.000 teilen sich verheiratete oder unverheiratete Paare die Erziehung. Über die Hälfte dieser Familien hat jeweils ein Kind. Insgesamt leben knapp 44.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Karlsruhe. Diese Zahlen veröffentlicht das Amt für Stadtentwicklung in jedem Quartal ganz aktuell und man kann sie neben vielen anderen auf der Webseite der Stadt ansehen.

Aber Moment mal! Kann man eine Geschichte über Familien denn überhaupt beginnen, ohne den berühmten Satz von Lew Tolstoi zu zitieren? Der begann seinen Roman »Anna Karenina« so: »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.« Was auf den zweiten Blick etwas rätselhaft klingt, ist aber, wie man sehen wird, nicht nur ein schönes Bonmot.

Doch beginnen wir zunächst mal mit der Frage, was eigentlich eine Familie ist. 1998 packte die damalige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Christine Bergmann die veränderte Haltung der Regierung in den einfachen Satz »Familie ist, wo Kinder sind«. »Auch Alleinerziehende und Paare ohne Trauschein, die Kinder aufziehen, sind Familien. Jede andere Definition wäre eine grobe Missachtung der Realität«, sagte die Ministerin damals. Sie trug damit einer Veränderung in den Familien Rechnung, die schon in den sechziger Jahren begonnen hatte und heute unter dem Begriff Pluralisierung zusammengefasst wird. Alleinerziehende, Patchwork-Familien und alle Paare mit oder ohne Trauschein waren nun Familie – eine Lebensgemeinschaft von einem oder mehreren Elternteilen mit mindestens einem Kind. Das Statistische Bundesamt berücksichtigte diese Änderung dann beim Mikrozensus 2011: Hier war erstmals einfach die Zahl der Familienhaushalte mit Kindern über und unter 18 Jahren in Deutschland aufgeführt. Der Familienstand und die Verwandtschaftsbeziehungen der älteren Familienmitglieder waren kein Thema mehr. Familie ist, wo Kinder sind.


Das Bild von Familie ist bunter geworden 

Wieder, muss man sagen, denn diese zunehmende Pluralität interpretiert der Soziologe Norbert F. Schneider, bis 2021 Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, als Rückkehr in die Normalität der Vielfalt. Familien sind für ihn Versorgungs- und Verantwortungsgemeinschaften, die sich immer wieder wandeln und an die gesellschaftlichen Verhältnisse anpassen. Für ihn ist deshalb die Pluralität von Familien nicht ihr Ende, sondern die Voraussetzung für ihr Überleben. Die Zeit zwischen 1955 und etwa 1975 beschreibt Schneider dabei als Sondersituation im Nachkriegsdeutschland. Im Westen herrschte damals eine ausgeprägte Dominanz der bürgerlichen Kleinfamilie mit Ehelichkeit und strenger Arbeitsteilung der Geschlechter, während im sozialistischen Osten die Vollerwerbstätigkeit beider Geschlechter gewünscht war.

Neun von zehn alleinerziehenden Eltern sind Frauen. 

Auch der aktuelle Sozialatlas 2022 der Heinrich-Böll-Stiftung stellt eine »neue Vielfalt der Familienmodelle« fest, in der Menschen in unterschiedlichen Konstellationen dauerhaft Verantwortung füreinander übernehmen und Kinder großziehen – unabhängig von Familienstand und Geschlecht der Eltern. Und das lässt sich mit Zahlen belegen: Während 1996 noch 81 Prozent aller Familien mit Kindern unter 18 Jahren Eltern in einer »klassischen « Ehe hatten, waren es 2019 nur noch 70 Prozent. Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich der Anteil unverheiratet zusammenlebender Eltern auf 11,5 Prozent und der Anteil Alleinerziehender stieg auf 18,6 Prozent. Dabei sind neun von zehn alleinerziehenden Eltern Frauen.

Neben diesen nach außen sichtbaren »bunteren« Strukturen ändern sich auch im Inneren der Familien die Abläufe. Forscher*innen identifizieren derzeit drei Varianten der Rollenverteilung bei so genannten Kernfamilien mit zwei Elternteilen: Bei einer gibt es den Ernährer – oder in seltenen Fällen die Ernährerin –, im zweiten Modell arbeitet jemand in Vollzeit und jemand verdient in Teilzeit hinzu – in den meisten Fällen sind das die Frauen. Und als Drittes beobachten sie das partnerschaftlich-egalitäre Modell, in dem beide Elternteile zu gleichen Teilen Verdienst- und Versorgungsarbeit leisten.

Den Wandel der Familien als krisenhafte Entwicklung zu deuten, wie es immer wieder geschieht, ist also falsch und überholt. Denn viele Forscher*innen verweisen neben dem ausgeprägten Wandel zugleich auf die bemerkenswerte Beständigkeit der Familien. Ihre Vielfalt der Formen und des Zusammenlebens sind kein Zeichen von Krise, und sie lösen sich auch nicht auf oder ändern ihren Charakter grundlegend. Die Veränderungen sind stattdessen Ausdruck des fortwährenden historischen Wandels, und die Wertschätzung der Familie ist auch bei jungen Menschen weiterhin außerordentlich hoch. Lebenszufriedenheit wird auch heute noch in hohem Maße durch die Zufriedenheit mit dem eigenen Familienleben bestimmt.

Früher wurden Familienportraits nur als Gemälde angefertigt, entsprechend wohlhabend
mussten die Familien sein. Seit der stärker werdenden Verbreitung
von Fotografien konnten solche Bilder preisgünstiger hergestellt und
auch als Postkarten versendet werden. Auch das Familienalbum wurde ein beliebtes
Dokumentations- und Kommunikationsmedium, in dem die meistens inszenierten
Bilder der Familie gesammelt werden konnten.

Rückkehr in die Normalität der Vielfalt 

Vielfalt ist also die notwendige Voraussetzung für die Überlebensfähigkeit der Familien. Die Familienpolitik darf deshalb keinen Einfluss nehmen auf die Entstehung von erwünschten und die Verhinderung von eher unerwünschten Formen. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, die Lebensqualität der Familien und der Kinder zu verbessern, um ihnen Chancengleichheit, wirtschaftliche Stabilität und Wahlfreiheit zu ermöglichen. Zugleich besteht Handlungsbedarf, das Familienrecht der veränderten Lebenswirklichkeit der Familien bei Sorgerecht, Trennung oder Todesfall anzupassen. Auch die unbezahlte Haus- und Familienarbeit sollte künftig besser honoriert werden. Sie wird auch weiterhin hauptsächlich von den Müttern geleistet, wie der Report »Familie und Zeit 2016« der Landesregierung Baden-Württemberg belegt. Und schließlich ist es wichtig, die wachsende Zahl der Alleinerziehenden besser zu unterstützen und die Schulen zu stärken, um sie den veränderten Gesellschaftsstrukturen anzupassen.

Als Folge der veränderten Strukturen und Abläufe, aber auch von veränderten Arbeitsbedingungen, ist Zeitmangel ein besonderes Problem geworden, insbesondere für Familien mit jüngeren Kindern. Rund die Hälfte aller Eltern in Deutschland fühlt sich einer bundesweiten AOK-Studie zufolge zeitlich stark oder sehr stark belastet, sowohl von Zeitdruck und -knappheit als auch vom wachsenden Abstimmungs- und Koordinationsbedarf. Dabei ist es für Familien weiterhin elementar, im Alltag sowie im Laufe der Jahre ausreichend gemeinsame Zeit für Fürsorge, Bildung und Erziehung zur Verfügung zu haben. Gemeinsame Zeit im Alltag für Reden, Spielen, Kochen und Kuscheln ist die Grundbedingung für ein gutes Familienleben.

Im Laufe der Zeit wurden die Bilder weniger streng gestellt, mehr Augenblicke und Situationen festgehalten. Farbfotografie und günstige Technik popularisierten das Medium weiter. Frühe Farbfotos haben heute fast immer einen deutlichen Farbstich – die Fotochemie war nicht für eine lange Haltbarkeit geeignet. Heute werden solche Farbigkeiten in digitalen Foto-Apps gerne als Filter hinzugefügt …

Die Pluralität von Familie ist nicht ihr Ende, sondern die Voraussetzung für ihr Überleben.

Ins Fotostudio (oben) gehen wir für Familienfotos heutzutage nicht mehr so oft.
Mit 
Smartphones können wir uns schließlich selbst fotografieren (unten)
und die Bilder 
auch gleich (ver)teilen.
:)

Im Jahr 2017 hat auch die Stadt Karlsruhe in einer groß angelegten Umfrage Familien zu ihren Lebensumständen und ihrer Zufriedenheit befragt. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Sie zeigen Karlsruhe als familien- und kinderfreundliche Großstadt mit guten Sport-, Kultur- und Betreuungsangeboten.
Problematisch finden die Familien den Wohnungsmarkt, sie wünschen sich gute Betreuung bis in die weiterführenden Schulen sowie Verbesserungen beim ÖPNV in ihren Stadtteilen, mehr Verkehrsberuhigung und Sicherheit.

Viele dieser jungen Familien sind erst vor wenigen Jahren nach Karlsruhe gezogen und haben deshalb noch kein umfangreiches soziales Netzwerk aus Freunden und Familie in der Stadt. Deshalb haben sie die Auswirkungen der Pandemie in den vergangenen drei Jahren besonders stark gespürt. Die komplizierten und unklaren Situationen, die engen Räume, Langeweile und Einsamkeit stressten Eltern und Kinder. Und chronischer oder sogar mehrfacher Stress – das ist das dramatische Problem dabei – kann bei Kindern und Jugendlichen die Entwicklung bestimmter Hirnregionen nachhaltig beeinflussen. Das so genannte Early Live Stress-Syndrom (ELS) kann für das ganze restliche Leben anfälliger machen für Depressionen, Angststörungen oder kognitive Einschränkungen.

»Diese neuen Probleme haben auch in der Karlsruher Sozial- und Jugendbehörde viele kreative Prozesse angeregt und die Umsetzung bestehender Ideen beschleunigt«, erzählt der Leiter des Kinderbüros, Jonas Nees im Interview. Um schnell zu helfen, haben die Mitarbeiter*innen neue Formen von Beratung und Unterstützung entwickelt, die außerhalb der geschlossenen Büros und Elterncafés stattfinden können und darauf abzielen, Familien sichtbar zu machen und sie zu vernetzen. Und weil sich zahlreiche dieser Formate bewährt haben, werden sie bleiben und fortgesetzt. Dazu gehören etwa die »Karlsruhe spielt!«-Aktionen, für die einzelne Straßen gesperrt und bespielt werden, die Online-Angebote der Familienbildung, die man nun auch vom heimischen Sofa aus verfolgen kann, und die aufsuchende Sozialarbeit. Dafür gehen die Mitarbeiter*innen verstärkt auf Spielplätze in den Stadtteilen, um mit Eltern besonders niederschwellig ins Gespräch zu kommen, Beziehungen und Vertrauen herzustellen und bei Bedarf früh erste Tipps und Ratschläge zu geben.

Der Zeitmangel ist zu einem besonderen Problem für Familien geworden

So, und wie passt das nun alles zu Tolstois glücklichen Familien, die einander ähnlich sind, und den unglücklichen, die auf ihre Weise unglücklich sind? Aus dem ersten Satz des fast 150 Jahre alten Romans ist das Anna-Karenina-Prinzip geworden, das der US-amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond 1997 erstmals beschrieben hat. Es besagt, dass immer mehrere Faktoren oder Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine Sache gut gelingt. Fehlt hingegen auch nur ein einziger Faktor, kann das zum Scheitern führen. Oder – wie Tolstoi es sagt – zu ganz verschiedenen Weisen von Unglück. Gute Gründe also, Familien ganzheitlich und niederschwellig zu begleiten, ihnen schnell Beratung und Hilfestellungen anzubieten, wenn sie es brauchen, und sie rechtlich und finanziell zu fördern und zu unterstützen. Und zugleich als Gesellschaft offen und zugewandt zu bleiben, sich füreinander zu interessieren, zu helfen und zu unterstützen – egal welcher Form von Familie man gerade begegnet.

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