Das neue Wasserwerk

Renaturierte Ausgleichsflächen und Feuchtbiotope fördern die Artenvielfalt.

Text: Cordula Schulze

Beim Rundgang über das Gelände des Wasserwerks im Mörscher Wald südlich von Ettlingen fällt eines auf: Man sieht kaum Wasser. Es gibt das organisch gestaltete neue Gebäude, das sich wie ein Fels aus dem Boden schiebt. Auf dem begrünten Dach speichert eine Photovoltaikanlage die Energie der Sonnenstrahlen. Einige orangefarbene Stadtwerke-Fahrzeuge parken vor dem Bau, daneben eine Erhebung unklarer Form – Mutterboden, so erfahre ich, der auf seine Rückkehr zum Boden wartet. Nur ein eingezäuntes Gelände umfasst drei kleine Gewässer, von denen später die Rede sein soll.

Hier auf dem Gelände mitten im Wald geht es kurz vor der Eröffnung eher gemächlich zu. Arbeiter legen letzte Hand an, putzen Scheiben, weißeln die Wände. Dr. Bernd Hofmann, als Abteilungsleiter verantwortlich für die vier Wasserwerke der Stadtwerke Karlsruhe und Projektleiter des Neubaus im Mörscher Wald, ist entspannt, dass bis zur Eröffnung alles glattgeht. Und kein Wunder: Das Projekt ist im geplanten Zeit- und Kostenrahmen geblieben.

Letzte manuelle
Einstellungen vor der
Inbetriebnahme

Bernd Hofmann nimmt mich mit ins 2.000 Quadratmeter große Gebäude. Dessen Generalplaner des Projektes war die Arbeitsgemeinschaft Holinger/Dahlem. Ich erfahre, dass Wasserwerke immer individuell geplant werden – und das im Idealfall eine Generation im Voraus. Alles ist hell, luftig, offen – genug Platz auch für kommende Generationen und wachsende Ansprüche, schließlich ist das hier ein Jahrhundertprojekt!

Wenn alles läuft im Wasserwerk Mörscher Wald, wird der Betrieb weitgehend ohne Mitarbeiter*innen vor Ort stattfinden. Die Überwachung erfolgt in der Prozessleitwarte der Stadtwerke. Weil die Stadtwerke ein Unternehmen der kritischen Infrastruktur sind, gibt es zu der digitalen Überwachung noch mehrere Rückfallebenen, um sicherzugehen, dass immer Wasser fließt. Jetzt, kurz vor der Inbetriebnahme, summt und brummt es noch im Haus. Vor allem zwei Gewerke müssen die Maschinen und Abläufe noch feintunen, weshalb hier noch Einstellungen von Hand vorgenommen werden: die Anlagenmechaniker und die Elektriker.

Auf Zuwachs gebaut 

Die Elektriker sind zum Beispiel dafür verantwortlich, dass die 24 Tiefwasserbrunnen des Werks sowie weitere Pumpen richtig eingestellt sind. Die Pumpen kann man sich wie das schlagende Herz der Wasserversorgung vorstellen – sie dürfen nicht ausfallen! Die großen Serverschränke sind auf Zuwachs für künftige Ausbaustufen ausgelegt. Technik wird ja nicht weniger komplex mit der Zeit. Einen Raum weiter stehen die Schaltanlagen für die Trafos, die den Strom für das Wasserwerk auf die benötigte Spannung runterregeln. Einen Teil der Energieversorgung trägt die Photovoltaikanlage auf dem Dach, die rund 133.000 Kilowattstunden pro Jahr liefert.
Falls es mal zu einer Unterbrechung der Stromversorgung kommen sollte, sorgt ein Dieselaggregat für Notstrom.
Jetzt geht es in die Netzpumpenhalle. Sie gleicht einem Saal, fast einer Kathedrale. Es ist kühl, die Besucher*innen stehen etwas erhöht über dem Herzstück des Werks. Ich blicke auf die blauen Gebilde herunter und erfahre: Es handelt sich um vier große Netzpumpen – unterschiedlich groß für unterschiedliche Mengen. Sie laufen nicht alle gleichzeitig, aber sie geben die Möglichkeit, Wasser bedarfsgerecht ins Leitungsnetz zu bringen – bis zu 60.000 Kubikmeter täglich. Und das ist ein wichtiger Aspekt: Das Regierungspräsidium Karlsruhe hat dem Wasserwerk Mörscher Wald bei seiner Betriebserlaubnis bis 2048 die gleiche Wassermenge zugestanden wie bisher auch. Aber die Kund*innen nutzen das Wasser anders als früher. An sehr heißen Tagen kann die benötigte Gesamttrinkwassermenge bis zu 110.000 Kubikmeter betragen. An einem kalten Wintertag dagegen sind es nur 55.000 bis 65.000 Kubikmeter. Und das kann das neue Wasserwerk besser als das alte: Spitzenmengen liefern, Schwankungen auffangen.

Arbeitsintensive letzte Tage vor der Inbetriebnahme.
Die Netzersatzanlage -
früher als Notstromaggre gat bezeichnet - versorgt das Wasserwerk bei
Bedarf mit Strom.
Anlagenmechaniker
ziehen letzte Schrauben fest.
Die Dimensionen der Pumpenanlage sind
beeindruckend.

Eisen und Mangan
rausfiltern – fertig

In der großen Netzpumpenhalle gibt es drei weitere Pumpen, die mit der Wasserreinigung zu tun haben. Das Grundwasser in Karlsruhe ist von sehr guter Qualität und muss nicht chemisch behandelt werden. Nur Eisen und das Element Mangan werden aus dem Wasser herausgefiltert, bevor es an die Verbraucher*innen geht. Nachdem das Wasser mit Sauerstoff angereichert wurde, fließt es durch spezielle Filter. Weil die sich mit rot-brauner Masse – Eisen und Mangan – vollsetzen, müssen sie gespült werden. Dafür sind die drei kleineren Pumpen in der Halle da, die mit mächtigen Elektromotoren angetrieben werden. Das rötlich-braune »Spülwasser« kann man dann außerhalb des Gebäudes in den Absetzbecken sehen. Hier trennen sich die Flüssigkeit und die Filterrückstände. Letztere kommen in der Kläranlage zum Einsatz, das klare Wasser selbst gelangt über Sickerbecken wieder ins Grundwasser.

Das neue Werk stellt zusammen mit drei weiteren
Wasserwerken die Trinkwasserversorgung für 450.000
Bürger*innen der Stadt Karlsruhe und angeschlossener
Städte, Gemeinden und Zweckverbände sicher.

Neue Heimat für
Fledermaus & Co.

Das alte Wasserwerk Mörscher Wald, das zweitälteste Wasserwerk der Stadt Karlsruhe, steht direkt nebenan auf dem gleichen Gelände. Der Abriss der Gebäude aus den 50er-Jahren beginnt noch im Laufe des Jahres. Dieser Abriss wird, wie der Neubau auch, baubiologisch begleitet. So ist sichergestellt, dass keine Tiere zu Schaden kommen und dass es ausreichend Ausgleichsflächen gibt. Im Rahmen dieser Ausgleichsflächen entstand auch der Teich am Rande des Grundstücks. Und es ist faszinierend zu sehen, wie sich hier leuchtend blaue Libellen und andere Insekten über einer Vielzahl von unterschiedlichen Pflanzen am und im Teich tummeln. Molche und Frösche haben sich auch schon heimisch gemacht. Filigrane Armleuchteralgen gedeihen – ein schöner Anblick, der auf eine andere Art beeindruckt als die technischen Anlagen, für deren Bau der Teich geschaffen wurde.

Die Eröffnung

Ein paar Tage später ist ordentlich Betrieb auf dem Gelände und im neuen Wasserwerk. Aus Pandemie- und Sicherheitsgründen nehmen an der Eröffnung nur rund 130 Mitarbeitende, Medienvertreter*innen und geladene Gäste teil. Der Tag ist sonnig, die Stimmung heiter – schließlich ist man nicht immer bei der Eröffnung eines Bauwerks dabei, das für die nächsten 100 Jahre ein verlässlicher Teil der Daseinsvorsorge Karlsruhes sein soll. Das hier ist existenziell wichtig. Eine perfekte Kombination, die bei den Teilnehmenden Begeisterung weckt, als es am 11. Juli 2022 offiziell heißt: »Wasser marsch«.

»Es ist ein Wasserwerk auf dem neuesten Stand der Technik mit einer großen Leistungsfähigkeit. Bis zu 60 Millionen Liter Wasser pro Tag sind maximal hier zu fördern. Im Moment ist es eines der modernsten Wasserwerke Europas«, erklärt Dr. Olaf Heil, Technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Karlsruhe. Die Erste Bürgermeisterin der Stadt Karlsruhe und Aufsichtsratsvorsitzende der Stadtwerke, Gabriele Luczak-Schwarz, betont die umweltgerechte Planung des Wasserwerks und der Wasserversorgung Karlsruhes: »Die Grundwasserentnahme erfolgt im Einklang mit der Natur. Wasser ist ein Naturprodukt, und eine gesunde Umwelt ist maßgebliche Voraussetzung für langfristig sauberes und gesundes Trinkwasser.« Die Lage im Wasserschutzgebiet und Wald begünstigt die hohe Qualität des Wassers – und ist gleichzeitig eine Verpflichtung gegenüber Flora, Fauna und Menschen, nachhaltig und für mehrere Generationen zu planen.

Die Karlsruher Wasserwerke entnehmen nie mehr Grundwasser, als durch die Niederschläge natürlicherweise jährlich gebildet wird. Die Nachhaltigkeit der Wasserentnahme ist durch ständige Überwachung gesichert. Selbst in trockenen Jahren steht genügend Grundwasser für die Entnahme zur Verfügung. Und nach derzeitigen Prognosen wird es auch in den kommenden Jahrzehnten, trotz Klimakatastrophe, nicht zu Engpässen kommen. Doch woher kommt der Schatz in der Tiefe eigentlich? Und wie erneuert er sich?

Grundwasser –Schatz aus
der Tiefe

Das Karlsruher Trinkwasser wird im Einzugsgebiet der Brunnen durch Versickerung eines Anteils des Niederschlags gebildet. Rund zehn Prozent kommt aus dem Schwarzwald. Dort versickert ein Teil des Niederschlags und gelangt sehr langsam und gemächlich durch viele Sand-, Kies- und Gesteinsschichten in den so genannten Oberrheingraben, in dem auch Karlsruhe liegt. Dort tauchte es an manchen Stellen als klares, unbelastetes Grundwasser wieder an der Oberfläche auf – zum Beispiel in Baggerseen oder Weihern. Oder es bleibt in seinem unterirdischen Reservoir, aus dem die Stadtwerke Karlsruhe die ihr zugemessene Menge Wasser zur Versorgung der Bürger*innen mit modernen Pumpen entnehmen. Zusätzliche Schonung spenden Wasserschutzgebiete in den Waldgebieten rund um die Karlsruher Wasserwerke.

Die Stadtwerke als Wasserversorger sind gesetzlich dazu verpflichtet, die nachhaltige Grundwasserentnahme nachzuweisen. Dazu betreiben sie ein Messnetz mit Messstellen. An 180 Wasserstandspegeln wird täglich der Grundwasserstand ermittelt und ans Rechenzentrum der Stadtwerke übertragen. Da sich ein Teil der Messstellen an Standorten ohne Mobilfunknetzempfang befindet, mussten Stadtwerke-Mitarbeiter*innen bis Ende 2020 diese Standorte anfahren und die gespeicherten Daten auslesen. Diese umständliche und fehleranfällige Vorgehensweise hat jetzt ein Ende: Die Messdaten werden heute über ein LoRaWan-Netzwerk übertragen. Die Abkürzung steht für Long Range Wide Area Network – ein sicheres, energieeffizientes Funknetzwerk, das die Stadtwerke für Karlsruhe aufbauen.

»Es ist ein Wasserwerk auf dem neuesten Stand der
Technik mit einer großen Leistungsfähigkeit. Bis zu 60
Millionen Liter Wasser pro Tag sind maximal hier zu
fördern. Im Moment ist es eines der modernsten
Wasserwerke Europas«

Dr. Olaf Heil, Technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Karlsruhe

Dr. Bernd Hofmann erklärt Besucher*innen, wie das neue
Wasserwerk funktioniert.
Beste Wasserqualität durch kontrollierte Aufbereitung.
Im Absetzbecken trennen sich das aus dem Grundwasser
gefilterte Eisen und Mangan vom Wasser, das im
Sickerbecken wieder zu Grundwasser wird.
Sebastian Schrempp, Oberbürgermeister von Rheinstetten,
Erste Bürgermeisterin und Aufsichtsratsvorsitzende der
Stadtwerke Karlsruhe Gabriele Luczak-Schwarz und Dr. Olaf
Heil, Technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Karlsruhe

Die Ausstellung 

Um diese Zusammenhänge für die Besucher*innen des neuen Wasserwerks Mörscher Wald anschaulich aufzubereiten, gibt es ein Informationszentrum, das Schulklassen, Interessierten und Fachleuten gleichermaßen neue Erkenntnisse schenken will. Es wurde in Zusammenarbeit mit der Hochschule Karlsruhe und dem Steinbeis-Transferzentrum Visuelle Informations- und Wissensvermittlung entwickelt. 14 Themenstationen geben Auskunft über verschiedenste Aspekte des Wassers. Unter anderem erfahren die Besucher*innen etwas über lokale Themen wie Trinkwasserschutz und -gewinnung bis hin zu globalen Themen wie Klimawandel und das Menschenrecht auf Wasser. Eine Soundinstallation im Bereich des Foyers begrüßt die Besucher*innen und stimmt sie akustisch ein. Ein großflächiges Lichtspiel – ähnlich den Schlosslichtspielen – in der Netzpumpenhalle bildet das spektakuläre Finale des Besuchs.

Karlsruhe hat jetzt eines der modernsten Wasserwerke Europas. Und dieses beeindruckende Werk ist bereit für interessierte Besucher*innen. Nutzen Sie die Chance, besuchen Sie die Ausstellung und werfen Sie einen Blick auf die gewaltigen Anlagen. Vermutlich geht es Ihnen wie mir: Es bleibt ein Gefühl von Ehrfurcht – vor dem Privileg, jederzeit über sauberes Trinkwasser zu verfügen. Und vor der Technik, die uns dieses im Einklang mit der Natur ermöglicht.

Die Ausstellung informiert
in 14 Themenstationen zu
lokalen Fragen wie
Trinkwasserschutz- und
gewinnung und globalen
Themen wie Klimawandel
und das Menschenrecht
auf Wasser.

Anmeldung für Gruppen und
Einzelpersonen zu einer Führung im
Wasserwerk Mörscher Wald hier!

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