Ach Gott, wie nervig! Leute, die anders sprechen, andere Traditionen und einen anderen Lebensstil pflegen. Das Zusammenleben der vielen ist nicht immer einfach. In Karlsruhe engagieren sich viele Menschen dafür, dass es gelingt – mit Erfolg!
Text: Cordula Schulze
Fotografie: Anne-Sophie Stolz
Vor ein paar Wochen stand ich in der Warteschlange beim Arzt. Es war warm und eng und jeder seufzte vor sich hin. Eine ältere Dame in gepflegtem Outfit wurde laut: Man müsse ja so lange warten und bekomme keine Termine, weil »denen« alles nachgeworfen werde. Sie beeilte sich, den ebenfalls in der Schlange wartenden migrantisch gelesenen Personen zu versichern, sie seien nicht gemeint. – Eine kleine Szene im Herzen von Karlsruhe, die zeigt: Gewohnheiten, unangenehme Erfahrungen, Unsicherheiten oder schlicht Unkenntnis hindern uns daran, uns dem »anderen« zu öffnen. Die eine mag keine Migranten, der andere kann aus religiösen Gründen nicht oder nur schwer mit Schwulen umgehen, der nächste wiederum blickt auf Menschen mit wenig Geld oder dunkler Hautfarbe herab.

Die Gesellschaft wird immer individueller
Das Vielfaltsbarometer 2025 der Robert Bosch Stiftung bestätigt: In Baden-Württemberg sinkt die Akzeptanz von Vielfalt – von 68 Punkten im Jahr 2019 auf 62 im Jahr 2025. Damit liegt das Bundesland ziemlich weit unten in der Erhebung – auf Platz 13 von 16. Mit Blick auf Lebensalter, Behinderung und Geschlecht haben sich die Werte im Südwesten gehalten, aber mit Blick auf die sexuelle Orientierung, Armut, ethnische Herkunft und Migration sind sie spürbar abgerutscht. Das ist deutschlandweit zu spüren. Gleichzeitig wissen Soziolog*innen schon seit 40 Jahren, dass sich die Gesellschaft immer stärker individualisiert: Kirchen-, Vereins- und Gewerkschaftszugehörigkeit sinkt, Familien werden instabiler, berufliche Biografien kleinteiliger und weniger planbar. Kurzum: Die Zugehörigkeit zur Gesellschaft hat an Bindekraft verloren; individuelle Lebensentwürfe gewinnen an Bedeutung und prägen unseren Alltag. Unternehmen und Organisationen wissen, dass sie erfolgreicher sind, wenn Teams gemischt sind und verschiedene Erfahrungshorizonte vereinen.
Jede Menge Neigschmeckte
Und eigentlich sind wir auch ganz gut darin, uns mit Menschen weiterzuentwickeln, die nicht mit Maultaschen, Kohlroulade und Co. aufgewachsen sind. Die heutige Großeltern-Generation erlebte Flüchtlinge aus Osteuropa oder aus dem Elsass, kurz darauf die ersten sogenannten Gastarbeiter aus Südeuropa und der Türkei, irgendwann kamen Boat People aus Vietnam, ab den 1990ern verstärkt Russlanddeutsche, Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, Migranten und Asylsuchende aus Afrika, dem nahen und dem fernen Osten. Wir sind ein bunter Haufen in Deutschland, schon lange.
Privilegienbrief: Seit 300 Jahren multireligiös
aus Prinzip
Karlsruhe rühmt sich bis heute der Tradition religiöser Toleranz, denn diese ist bereits im sogenannten Privilegienbrief festgehalten. Wenige Wochen nach der Stadtgründung hielt Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach in diesem zentralen Dokument fest, welche Rechte und Pflichten die Bürger seiner Stadt haben sollten. An erster Stelle: Religionsfreiheit. Und das Versprechen, dass die Privilegien ausgeweitet, aber nicht beschränkt werden sollten. Mit anderen Worten: Der Aufbau der Fächerstadt war eine Gemeinschaftsanstrengung von Menschen, die erst noch zu einer Gemeinschaft werden sollten. Was für ein Spirit! Und bis heute ist die Stadt, die nicht dafür bekannt ist, besonders »multikulti« zu sein, von ihren verschiedenen Bewohnergruppen geprägt. Von den rund 304.100 Einwohner*innen Karlsruhes sind 21,2 Prozent Nicht-Deutsche, also rund 64.500 Personen. Zum Vergleich: Deutschlandweit sind es knapp 15 Prozent.
Kulinarische Vielfalt als angenehmes Sinnbild
Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen, und so erfreuen sich alle gemeinsam an der kulinarischen Vielfalt, die mit Einwanderern herkam: von der italienischen Eisdiele über den Döner-Laden bis hin zur Pizzeria – alle heute ein Teil unserer Alltagsroutinen. Dazu ein US-amerikanischer Burger, eine hawaiianische Bowl oder ein taiwanischer Bubble-Tea. Essen und Trinken sind nicht alles, aber ein Sinnbild dafür, dass die Mischung aus Bekanntem und Unbekanntem auch eine Bereicherung sein kann.
Lernen Sie hier Menschen aus Karlsruhe kennen, die aus Überzeugung oder eigener Erfahrung dazu beitragen, dass Vielfalt Karlsruhe zu einem lebenswerten Ort macht.
Verena Meister

Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Karlsruhe
Trägt die Anliegen von Frauen nach vorne und sagt:Wir müssen Jungen ein positives Bildvon Männlichkeit vermitteln.
»Menschen vereinen unterschiedliche Merkmale in sich, angeborene, erworbene und gewählte. Diese zu erkennen, erleichtert das gesellschaftliche Miteinander, allerdings ohne sie zur Abwertung einzelner Gruppen zu nutzen. Die Stadt ist für viele Lebensbereiche zuständig, die von Menschen unterschiedlicher Geschlechter unterschiedlich genutzt werden. Dazu gehören unter anderem Städtebau, Spielplätze, Öffnungszeiten, Schutz vor Gewalt, Kinderbetreuung. Unser Ziel im Team des Gleichstellungsbüros ist es, einerseits die Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts abzubauen und andererseits auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf für alle Geschlechter hinzuarbeiten. Denn: Von Gleichstellung und vom Aufbrechen von Rollenstereotypen profitieren alle. Konkret arbeiten wir auf kommunalen Steuerungsebenen und wirken etwa in Ämtern auf Gender Mainstreaming hin. Das bedeutet, dass wir geschlechtsspezifische Bedürfnisse und Perspektiven in Prozesse einbringen. Und wir wirken in die Stadtgesellschaft hinein mit Aktionstagen und Kampagnen. Für die Zukunft wünsche ich mir eine geschlechterreflektierte Pädagogik ab der Kita.«
Menschen vereinen unterschiedliche Merkmale in sich, angeborene, erworbene und gewählte.
»Vielfalt? Find ich gut. Einfalt ist deutlich schlimmer. Für unsere Politiker wünschte ich mir zum Beispiel mehr Vielfalt. Dabei ist es mir egal, ob Männer oder Frauen – wichtiger ist doch, dass sie aus ganz unterschiedlichen Berufen kommen. Also nicht nur Juristen, auch Handwerker, Lehrer, Pflegekräfte mit ihren Perspektiven. Meine Berufsbiografie ist typisch für ein Kind aus einem Nicht-Akademiker-Haushalt: Ich habe mich in vielen Einzelschritten bis hin zum Masterabschluss entwickelt. Nach Ausbildungen, Fachabitur am Telekolleg, Studium an der FH und jetzt mit Ü50 habe ich mein Lehramtsstudium am KIT abgeschlossen. Ich arbeite als Dozent für junge Geflüchtete und Jugendliche in der Orientierungsphase. Ich hätte mir oft Ermutigung und Unterstützung gewünscht, aber das hat mein Netzwerk nicht hergegeben. Wenn alle genug Geld haben, weiß keiner, wie man BAföG beantragt. Deshalb engagiere ich mich heute bei ArbeiterKind.de und möchte dort besonders an Schulen gehen. Die jungen Leute sollen wissen, dass sie sich ein Studium zutrauen können!«
Für unsere Politiker wünschte ich mir mehr Vielfalt.
Andreas Zimmermann

Engagiert sich bei ArbeiterKind.de
Ermutigt Kinder und Jugendliche, zu studieren.Auch und besonders, wenn sie die Erstenin ihrer Familie sind.

Mirja Kon-Thederan und Christoph Rapp
Buddhistin / Religionspositiver Agnostiker
Engagieren sich gemeinsam im Verein»Garten der Religionen«.
»Vielfalt erwächst aus unserem Bekenntnis zu Freiheits- und Gleichheitsrechten. Wir sind leidenschaftliche Verfechter davon, Vielfalt grundsätzlich zu bejahen und positiv zu gestalten – und unsere Mitstreiter* innen im interkulturellen, interreligiösen und gesellschaftspolitischen Miteinander auch. Die Grenze der Toleranz sollten dabei die Menschenwürde und die Menschenrechte sein.
Karlsruhe ist schon von der ersten Minute an eine Stadt der Willkommenskultur und der Toleranz. Und dass der erste Artikel des ›Privilegienbriefs‹ bereits die Religionstoleranz zusagte, ist gewiss kein Zufall. In der Ökumene der großen christlichen Gemeinschaften war und ist Karlsruhe Motor. Aber auch das Miteinander der abrahamitischen – also Judentum, Christentum und Islam – und auch der nicht-abrahamitischen Religionen funktioniert in Karlsruhe gut. Ein wunderbares Symbol dieser ›Einheit in Vielfalt‹ ist der Garten der Religionen im Citypark der Südstadt-Ost. Und mit dem gerade in Gründung befindlichen Karlsruher Rat der Religionen werden die Religionen noch näher zusammenrücken können und zum Besten unserer Heimatstadt Karlsruhe beitragen.«
Vielfalt erwächst aus unserem Bekenntnis zu Freiheits-und Gleichheitsrechten.
Christina Lindner

Leiterin Personal- und Organisationsamt der Stadt Karlsruhe
Wünscht sich mehr vielfältige Bewerbungen.
»Ich leite das Personal- und Organisationsamt seit Juni 2021 und es ist die schönste Aufgabe innerhalb der Stadtverwaltung! Wir können in Karlsruhe mit 7.000 Mitarbeitenden im öffentlichen Dienst bei der Personalarbeit viel bewegen. Einerseits, indem wir Menschen aus möglichst vielen Lebensbereichen einen guten Arbeitsplatz geben und andererseits, weil wir damit die Qualität der Dienstleistungen, die wir für die Bürger*innen erbringen, verbessern. In dem breiten Aufgabenspektrum von Abfall bis Zoo müssen wir ein großes Interesse daran haben, einen vielfältigen Personalkörper zu haben. Deshalb wünschen wir uns mehr Bewerbungen von Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungshorizonten. Wichtig ist, dass wir diese Themen strukturell angehen, etwa durch diskriminierungsfreie Auswahlverfahren, um institutionelle Benachteiligungen abzubauen. Auch wenn wir als Arbeitgeberin schon ganz gut dastehen: Wir wollen Führungs- und operative Ebenen ausgewogen nachbesetzen, um eine höhere kulturelle Vielfalt zu haben.«
Wir wollen eine höhere kulturelle Vielfalt.

Dr. Angelika Fink-Sontag
Seniorin
Sie hilft anderen – und lässt sich auch selbst helfen.
»Ich bin heute 77 Jahre alt, war vor einiger Zeit gerade in Rintheim in meine neue Wohnung gezogen, da kam eine größere Hüft-OP und plötzlich war ich auf Hilfe angewiesen. Über den Paritätischen habe ich im Rahmen der Nachbarschaftshilfe angefragt und Unterstützung von einem netten Rentner bekommen. Er hat mir beim Tragen geholfen oder auch Handwerkliches übernommen. Daraus ist eine Freundschaft entstanden. Das ist wichtig, denn wenn man nicht fit und mobil ist, kann das Leben ganz schön schwierig sein. Und es ist schwer, Hilfe zu bekommen. Mit Fahrrad, Öffentlichen oder Carsharing etwa kommt man gut rum – wenn man einigermaßen fit ist. Ein Fahrdienst für mobilitätseingeschränkte Personen in Karlsruhe wäre toll! Ich habe selbst eine Tochter und Enkelkinder. Das kam mir zugute, als ich eine indische Familie als Leih-Oma unterstützt habe. Ich habe immer gerne geholfen und mich engagiert. Geholfen zum Beispiel bei der Hausaufgabenbetreuung von Grundschulkindern, engagiert im Bürgerverein, politisch in Fachausschüssen für Umwelt, Soziales und im Ortschaftsrat. Diese Tätigkeiten waren interessant und haben mein Leben bereichert.«
Engagiert habe ich mich schon immer.
»Ich bin jetzt in der Oberstufe und bereite mich aufs Abitur nächstes Jahr vor. Ich bin lesbisch und agender. Das bedeutet, dass ich mich nicht einem Geschlecht zuordnen will. Als queere Person habe ich in der Schule schon einige unangenehme Dinge erlebt, aber die Lehrer*innen und die Direktorin stehen hinter mir. Bei den Lehrern kommt es vor, dass sie nicht gut informiert sind, aber sie stehen hinter mir. Auch mit meinem Freundeskreis habe ich großes Glück: Viele meiner Freunde sind selbst queer oder unterstützen mich darin, wie ich bin. Das tun auch meine Eltern. Bei einem Antidiskriminierungsworkshop habe ich Mitglieder des CSDVereins hier in Karlsruhe kennengelernt und bin zu einem offenen Treffen gegangen. Danach habe ich gleich schon beim diesjährigen Christopher Street Day im Juni geholfen. Nächstes Jahr helfe ich wieder mit, wenn wir die Demonstration für Gleichberechtigung und queere Rechte organisieren. Ich finde es cool, da mitzumachen, das ist mir wichtig. Ich habe gelernt, stolz hinter dem Thema Queerness zu stehen.«
Ich habe gelernt, stolz hinter dem Thema Queerness zu stehen.
Leon Moser

queer und agender
Hilft bei der Organisation von Demos für queere Rechte.

Irina Koslowsky
Mutter eines Sohns mit geistiger Behinderung
Manchmal verzweifelt sie an der Unterstützungsbürokratie,
fühlt sich in Karlsruhe aber gut aufgehoben.
»Unser Sohn Viktor ist 17, hat eine angeborene geistige Behinderung und ist körperlich sehr fit. Er geht liebend gerne zur Schule, klettert im Deutschen Alpenverein und lernt Klavier im KONS. Letztes Jahr hatte er eine tolle Konfirmandenzeit. Er braucht bei vielem Unterstützung und Begleitung, in der Schule und in der Freizeit. Damit das alles funktioniert, greifen viele organisatorische Fäden ineinander. Sein Vater und ich arbeiten jeweils etwas reduziert, um Zeit dafür zu haben. Die – private – Evangelische Jakobusschule, zu der er seit der 1. Klasse geht, ist von der Haltung und der Struktur echt inklusiv. Die Sonderpädagog*innen sind dort angestellt und fester Teil des Teams, anders als an staatlichen Schulen üblich. Beim Stadtjugendausschuss gab es für ihn tolle Ferienangebote. Für die ist er mittlerweile zu alt – da ist eine Lücke für die älteren Jugendlichen mit Unterstützungsbedarf, die dringend geschlossen werden sollte. Dennoch: Grundsätzlich fühlen wir uns mit Viktor in Karlsruhe gut aufgehoben und sind froh, dass er seine Talente ausleben kann.«
Damit alles funktioniert, greifen viele organisatorische Fäden ineinander.
Svitlana Rudenko

Buchhalterin aus der Ukraine
Beim Freundeskreis Asyl engagiert sie sich heutefür andere und erlebt Vielfalt auch in ihrem Alltag.
»Als ich nach Karlsruhe kam, war vieles ungewiss. Aber ich hatte ein Ziel: für meinen Sohn und mich ein neues Leben aufzubauen. Ich möchte nicht bemitleidet werden, sondern selbst etwas erreichen. Deshalb habe ich Deutsch gelernt, einen Integrationskurs besucht und meine Kenntnisse in der Buchhaltung an die deutschen Anforderungen angepasst. In der Ukraine hatte ich mehr als 20 Jahre als Buchhalterin gearbeitet. Heute arbeite ich wieder im Finanzbereich und mein Sohn macht eine Ausbildung im IT-Bereich. Im Herbst beginne ich meinen B2-Kurs. Besonders schön finde ich, dass meine Kolleg*innen aus vielen Ländern kommen. Die deutsche Sprache verbindet uns. Wir tauschen uns aus, bringen bei Veranstaltungen Gerichte aus unseren Heimatländern mit und lernen voneinander. Hier fühle ich mich nicht als Flüchtling, sondern als Kollegin. Kraft gibt mir meine Leidenschaft: Ich fertige Teddybären und Puppen. Für mich ist das wie Meditation. Ich habe ein Ziel und gehe Schritt für Schritt.«
Meine Kolleg*innen kommen aus vielen Ländern. Die deutsche Sprache verbindet uns.
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