Eine Generation nach der nächsten sucht nach der besten Lösung dafür, gut zu leben und gleichzeitig noch was übrigzulassen für die, die danach gut leben wollen. Dafür braucht es Vertrauen: in die eigenen Ideen und in die der jeweils anderen Generation. Und das ist gar nicht so einfach.

von Cordula Schulze

Neulich ...

… habe ich einen Freund nach seiner Urlaubsreiseroute gefragt und seine Reaktion war, dass er sich fürs Fliegen entschuldigt hat. Dabei wollte ich einfach etwas über seinen abenteuerlichen Flug erfahren. Manche Menschen haben verinnerlicht, dass wir eine Verantwortung haben für das, was wir tun. Andere kleben sich »Fuck-you-Greta«-Aufkleber aufs Heck und geben Gas. Und viele stecken irgendwie mittendrin. Die Umweltbewusstseinsstudie 2024 des Umweltbundesamtes zeigt: Die große Mehrheit findet Umweltschutz wichtig. Aber gleichzeitig sind andere Themen deutlich wich­tiger geworden.

Ich stecke auch in diesem inneren Widerstreit. Ich fühle mich verpflichtet, sorgsam mit diesem Planeten umzugehen. Gleichzeitig konsumiere und reise ich deutlich umfangreicher, als es global gesehen fair wäre. Wie nachhaltig wollen wir leben? Welche Regeln brauchen wir oder brauchen wir überhaupt Regeln mit Blick auf unseren Lebensstil? Gibt es rechtliche Verpflichtungen? Hat die Natur einen Anspruch darauf, dass wir sie schützen? – All das ist Gegenstand einer großen gesellschaftlichen Diskussion.

Ein Spielzeugflugzeug crasht in einen Globus

207,2 Mio.

Im Jahr 2025 verzeichneten die deutschen Hauptverkehrsflughäfen rund 207,2 Millionen Fluggäste, was einem Anstieg von 3,9 % gegenüber 2024 entspricht, aber 8,6 % unter dem Niveau von 2019 liegt.

Starke Gefühle: Protest – mit Recht

Mitunter werden die Gefühle groß, wenn es um Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung geht. Als junge Klimaaktivistinnen und -aktivisten aus Protest den Berufsverkehr lahmlegten, hieß es: Terroristen seien sie, die das Land gefährdeten. Die hit­zige Diskussion verkannte die Forderung der jungen Generation an Politik und Gesellschaft, Klima und Umwelt angemessen und langfristig zu schützen.

Ähnlich sah es das Bundesverfassungsgericht, als es 2021 mit einem bahnbrechenden Urteil die For­der­ung nach mehr Klimaschutz stärkte: Das Klimaschutzgesetz schütze die Rechte junger Menschen und künftiger Generationen nur unzureichend.

Luxusyacht und Kanu im Vergleich

× 860

Eine Superyacht stößt in einem Jahr so viel Emissionen aus wie ein Mensch im globalen Durchschnitt in 860 Jahren.

Quelle: Oxfam / Jan Kowalzig

Der Staat steht in der Pflicht

Junge Menschen sind heute in einer vertrackten Situation: Sie müssen mit den Folgen der In­dustrialisierung umgehen. Gleichzeitig haben zumindest Minderjährige wenig bis keinen Einfluss auf die Politik. Dazu kommt, dass sich arme Menschen oft schlechter vor den Folgen des Klimawandels schützen können als reichere. Ein Beispiel: Eine Familie in einer schlecht gedämmten Wohnung an einer Schnellstraße leidet unter Hitze (und Lärm) deutlich mehr als eine Familie mit Einfamilienhaus im Grünen. Das ist auch der Grund, warum junge Klima-Engagierte »Klimagerech­tigkeit« fordern, nicht nur »Klimaschutz«. Sie wissen, dass im Klimathema auch wichtige soziale Fragen stecken, und sie haben kein Vertrauen in die Lösungen der Generationen vor ihnen.

Nicht erst seit heute fragen sich Philosophie, Rechtswissenschaft und viele andere, ob es nicht unsere Pflicht ist, nachhaltig mit den natürlichen Ressourcen umzugehen. Manche Länder machen es vor: 2022 wurde die Salzwasserlagune Mar Menor in Spanien als eigenes Rechtssubjekt anerkannt und so zum ersten Ökosystem in Europa mit eigenen Rechten. In Florida reichte ebenfalls 2022 ein See Klage gegen ein Bauvorhaben ein. Was kurios klingt, zeigt: Die Natur ist nicht Diener des Menschen. Ganz im Gegenteil.

Umwelt vor Gericht

»Should Trees Have Standing? Towards Legal Rights for
Natural Objects«, 1972 erschien Christopher Stones einflussreiches Werk, das als Grundlagentext der Rechte-der-Natur-Bewegung angesehen wird. Stone gilt als einer der Gründer der modernen Umweltadvocacy.

Mehr dazu hier: Rechte der Natur: Eine Neubestimmung der Mensch-Natur-Verhältnisse

Arbeiten für eine lebenswerte Zukunft

Zu dieser Erkenntnis sind nicht nur Klimaschützer*innen gelangt, sondern auch Kommunen, Institutionen und Unternehmen. Eines davon ist Refarm aus Karlsruhe. Sein Gründer, Patrick Rodinger, hat das Ziel: »Wir wollen Städte grüner, gemeinschaftlicher und biodiverser gestalten. Unsere Mission ist es, Umweltbildung praxisnah und leicht zugänglich zu machen – lokal verankert und offen für unterschiedliche Lebensrealitäten.« Deshalb bie­ten er und sein Team seit 2022 Urban-Gardening-Projekte und Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität auf Freiflächen an. Zunächst für Unternehmen, heute auch für Privatleute. So kommen Menschen zusammen, »die sich gemeinsam für Ver­änderung einsetzen wollen – mit dem Ziel, kommen­den Generationen nicht nur eine nachhaltigere Welt zu hinterlassen, sondern auch ein starkes Mit­einander, das trägt«, erklärt der Gründer von Refarm.

Refarm

möchte Städte grüner, gemeinschaftlicher und biodiverser gestalten. Umweltbildung soll einfach zugänglich und praxisnah sein. Gemeinsames Handeln direkt vor Ort. Mehr dazu hier

refarm

Unternehmerische Mitmachgemeinschaft

Mit dieser positiven Haltung ist er nicht allein. Alice Knorz ist Vorständin der Nachhaltigkeitsinitiative Fairantwortung gAG. Der 2013 gegründete Zusammenschluss von heute rund 100 Mitgliedsunternehmen versteht sich als Ideengeber und Mitmachgemeinschaft mit dem Ziel, die Wirtschaft nachhaltiger und zukunftsfester zu gestalten. »Wir sind gestartet mit dem Anspruch, dass Unternehmen Teil der Lösung in Sachen Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind«, erklärt Alice Knorz. Derzeit läuft eine Veranstaltungsreihe zum Thema zirkuläres Bauen mit Partnerinnen und Partnern aus Frankreich. Eine gute Sache, die Nachhaltigkeitsthemen häufig mit sich bringen: Resilienz, energetische Sicherheit, eine bessere Kontrolle der Lieferketten, um nur einige zu nennen. »Wir wollen praktikablen Lösungen Sicht­barkeit geben«, schildert Alice Knorz den konstruktiven Ansatz von Fairantwortung, der viel Vertrauen in den Ideenreichtum seiner Mitglieder setzt. Schließlich sei »Transformation keine Last, sondern eine große Chance«.

»Wir wollen Teil der Lösung sein.«

Alice Knorz

Als gemeinnützige Unternehmerinitiative aus Karlsruhe entstand die Fair­antwortung gAG aus der Vision heraus, den Wandel unserer Gesellschaft hin zu einem nachhaltigen und klimaverträglichen Wirtschaftssystem zu unterstützen.
fairantwortung.org

Alice Knorz vom Verein Fairantwortung

Kunst reflektiert und verstärkt Zukunftsfragen

Auch die Kultur wirkt und formt unsere Wahrnehmung davon, was Nachhaltigkeit ist und wie das Nachdenken darüber unsere Haltung zum Umgang mit Ressourcen prägt. Das traditionsreiche Orchester Badische Staatskapelle hat sich dem Verein »Orchester des Wandels e. V.« angeschlossen. Die Mitglieder unterstützen Wiederaufforstungsprojekte. Der Grund: Viele Instrumente wurden und werden mangels Alternativen teilweise bis heute aus seltenen exotischen Hölzern gebaut. Daraus ergibt sich die ideelle Verpflichtung der Vereinsmitglieder, sich zu enga­gieren. Deshalb tragen die Orchester nun dazu bei, dass in Madagaskar, in Brasilien und in Rumänien Wälder wieder aufgeforstet werden und dass sich, speziell in Madagaskar, die Bewohner*innen alternative Einkommensquellen erschließen können – alles in Kooperation mit Partnerorgani­sationen vor Ort. Heinrich Gölzenleuchter ist seit 1993 Posaunist in der Badischen Staatskapelle. Er erzählt, dass das Badische Staatstheater auch zum 2024 gegründeten offenen Netzwerk »Nachhaltige Kultur Karlsruhe« gehört und sich vor Ort gemeinsam mit anderen Kulturinstitutionen wie etwa dem KIT, der Staatlichen Kunsthalle Karls­ruhe, dem Tollhaus oder dem ZKM um das Thema bemüht.

Klimabildung wirkt lokal

Wie trägt man das Thema Klima und die Notwendigkeit des Klimaschutzes auch an junge Menschen heran? Professor Tobias El Hamdani-Ludwig leitet an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe das Institut für Physik und Technische Bildung. Dass er Klimafakten anschaulich auf Grundschulniveau erklären kann, liegt daran, dass er nicht nur seine Studierenden Physik lehrt, sondern auch mit ihnen übt und forscht, wie man Naturwissenschaft an Schülerinnen und Schüler vermitteln kann. Dafür gibt es das mit Stiftungsgeldern geförderte Lehr-Lern-Labor PHyLa, das bereits 4.000 Karlsruher Schülerinnen und Schüler besucht haben. »Kinder brauchen ein physikalisches Grundverständnis zum Klima. Neben zahlreichen Experimenten üben sie bei uns anhand einer Messreihe, die das Klima in Karlsruhe seit 1789 dokumentiert, wie man solche Fakten erhebt und auswertet«, erklärt El Hamdani-Ludwig und fährt fort: »Über die Beschäftigung mit echten Daten entwickeln sie ein Bewusstsein und ein Verständnis dafür, dass die Klimakrise nicht irgendwo global stattfindet, sondern ganz konkret bei uns hier in Karlsruhe.« Das PHyLa wurde kürzlich vom Bundesverband der Schülerlabore aus­gezeichnet.

Pflanzen und Bäume die aus der Dichte der Stadt emporwachsen

Von Gärten lernen

Der Ökologische Lehr-/Lerngarten der PH ist für die Öffentlichkeit zu festen Zeiten geöffnet.
Mehr dazu hier

Das große Ziel der Stadt: Klimaneutralität

Auch die Städte und Kommunen sind wichtige Akteure in Sachen Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung. Für ein klimaneutrales Karlsruhe bis spätestens 2040 verabschiedete der Karlsruher Gemeinderat 2020 ein Klimaschutzkonzept mit 75 Maßnahmen. Durch die Umsetzung der Maßnah­men zur klimaneutralen Verwaltung konnte die städtische Verwaltung ihre CO₂-Emissionen beispielsweise seit 2019 um etwa 17 Prozent reduzieren.

Und wo stehe ich nun, mit meinem guten Willen und meinem Wunsch, Dinge richtig zu machen? – Bei diesen Begegnungen habe ich gelernt, wie vielfältig die Ansätze sind und dass manchmal aus überraschenden Richtungen wertvolle Impulse kom­men. Es hat mein Vertrauen darin, dass wir die richtigen Maßnahmen finden und ergreifen können, gestärkt.

Glossar

Pflanzen und Bäume die aus der Dichte der Stadt emporwachsen

Wie erkläre ich einem Kind das Thema Nachhaltigkeit oder Begriffe, die oft in diesem Zusammenhang genutzt werden?

Biodiversität

Wörtlich heißt Biodiversität Artenvielfalt. Das bezeichnet, wie viele Pflanzen und Tiere irgendwo leben. Sind es viele, gibt es eine hohe Artenvielfalt. Wenn Menschen die Natur zerstören, indem sie Straßen bauen, langweilige Rapsfelder säen oder Wälder zerstören, sinkt die Artenvielfalt.

CO₂-Fußabdruck

CO₂ ist ein Gas, das natürlich in der Luft vorkommt. Es heißt Kohlenstoffdioxid. Die Menschen in reichen Ländern produzieren mehr CO₂, als die Erde verkraften kann. Autofahren oder Fliegen stoßen zum Beispiel viel davon aus. Wer darauf achten möchte, der Erde nicht zu schaden, kann messen, wieviel CO₂ er oder sie so verursacht. Dann kann man sich überlegen, ob man daran etwas ändern möchte.

Greenwashing

Wenn Unternehmen so tun, als wären sie umweltfreundlich, obwohl sie es gar nicht sind, dann betreiben sie Greenwashing. Das heißt wörtlich auf Englisch: Sie waschen sich grün. Und das ist geschummelt.

Klima

Wenn man vom Klima spricht, ist gemeint, dass es irgendwo normalerweise warm oder kalt ist, dass es trocken oder feucht ist. Das misst man über einen langen Zeitraum – am besten hundert Jahre oder noch länger. Das Wetter ist etwas Ähnliches, aber vom Wetter spricht man, wenn man an einen Tag oder wenige Wochen denkt. Es geht also beim Wetter um einen kurzen Zeitraum.

Klimaneutralität

Neutral heißt, dass man sich nicht für eine Seite entscheidet. Am besten macht man sich gar nicht bemerkbar, man hält sich raus. So ist das auch bei der Klimaneutralität. Man versucht, so zu handeln, dass das Klima nichts davon merkt. Viele Städte, Unternehmen, Organisationen versuchen, das zu schaffen. Vielleicht deine Schule ja auch?

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit bedeutet, nur so viel von einer Sache zu verbrauchen, wie in der Natur neu entsteht. Wenn man etwas nachhaltig macht, bedeutet das, dass man damit auch in Zukunft immer so weitermachen könnte. Ohne Nachhaltigkeit muss man irgendwann damit aufhören.

Natur

Die Natur ist alles, was nicht von Menschen gemacht wurde. Zur Natur gehören Pflanzen, Tiere, Berge, Flüsse, das Meer und vieles mehr. Auch wir Menschen!

Regenerativ

Das bedeutet, dass etwas sich neu bilden kann oder sich nicht verbraucht. Wenn du deinen Schokoriegel gegessen hast, ist er alle. Er bildet sich nicht neu. Wenn dein Strom aber von einem Windrad kommt, geht er nicht zu Ende, weil der Wind fast immer pustet.

Recycling

Schon wieder ein englischer Begriff. Recycling heißt auf Deutsch Wiederverwertung. Du kannst dir das ganz leicht merken: Im Supermarkt gibt es meist zwei Automaten für alte Flaschen. Entweder werden sie zerknüllt krrrrrrrrrzzzz. Das bedeutet sie werden geschmolzen und aus dem Plastik wird was Neues gemacht. Das Material wird wiederverwertet. Wenn die Flasche am Stück bleibt, macht sie jemand gründlich sauber und nutzt sie nochmal. Das ist auch super! Dann sagt man dazu wiederverwenden.

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