
Kita, Arbeit, Einkauf, Spielplatz – meist bewegen wir uns ganz selbstverständlich durch die Stadt. Erst wenn diese Mobilität ins Stocken gerät, wird sichtbar, was alles von ihr abhängt. Denn sie ist weitaus mehr als nur Fortbewegung. Sie bestimmt, ob wir in unserem Leben vorankommen – körperlich, räumlich und auch als Teil der Gesellschaft.
Text. Sarah Knott
Fotos: Anne-Sophie Stolz
Der Alarm meines Smartphones reißt mich aus dem Schlaf. Ich drehe mich noch einmal für zwei Minuten um, bevor es losgeht. Jetzt aber schnell anziehen, eine Kleinigkeit frühstücken und ab aufs Lastenrad, das uns zur Kita bringt. Kaum ist das Kind dort abgeliefert, düse ich schon wieder zurück nach Hause an den Schreibtisch. Die Arbeitszeit vergeht wie im Flug. Ein anschließender Blick in den leeren Kühlschrank führt mich nochmal in den Supermarkt, bevor das Kind schon wieder abgeholt werden muss. Schnell ein kleines Pläuschchen mit der Erzieherin, auf dem Rückweg noch fix beim Paketshop anhalten – dann steht auch schon eine Verabredung auf dem Spielplatz an. Während die Freunde auf Rutsche, Wippe und Schaukel toben, sitze ich auf der Bank, verschnaufe und schaue dem Treiben einfach mal zu, bis mir einfällt, dass sich mein Mann heute etwas früher auf den Heimweg machen wollte. Vielleicht steht er also ausnahmsweise mal nicht so lange im Stau und es klappt mit einem gemeinsamen Abendessen.
So sieht ein kleiner Ausschnitt aus unserem Alltag aus, wenn alles einigermaßen »läuft«. Woher diese Redewendung kommt und was sie eigentlich bedeutet, darüber habe ich lange nicht nachgedacht. Warum auch, schließlich hat es bei uns ja funktioniert. Wir waren eingespielt, bewegten uns zu Fuß, mit dem Rad, dem Auto oder der Bahn durch die Stadt, ohne weiter darüber nachzudenken. Erst als ich nach einer Operation über längere Zeit nur einschränkt mobil bin, wird mir klar: Ohne Bewegung ist nicht nur mein persönlicher Rhythmus gestört, sondern der unserer ganzen Familie. Einkäufe bleiben liegen, Turnstunden fallen aus, Arzttermine werden verschoben, sogar Selbstverständlichkeiten wie die Abholung des Kindes aus der Kita werden plötzlich zu organisatorischen Herausforderungen. Was zuvor einfach »lief«, verlangt neue Planung, alternative Lösungen und Hilfe von außen. Und ich beginne zu verstehen, wie sehr unser Alltag davon abhängt, dass wir uns bewegen können – jederzeit, frei und meist unbewusst.

Die theoretisch längste mögliche Zugreise der Welt führt von Portugal bis nach Singapur – rund 18.700 Kilometer über Europa und Asien hinweg.

Selina (Innenstadt)
Vielfältig unterwegs
Nehme ich heute das Rad, bin ich mit der Bahn schneller oder lohnt sich eher das Auto? Gewohnte Wege legen wir in der Regel aus Routine mit dem gleichen Verkehrsmittel zurück oder kombinieren sie auch miteinander. Wird eine Strecke seltener gefahren oder kommt kurzfristig etwas dazwischen, beginnt das Abwägen: Welche Lösung passt für mich nun am besten, wie spare ich Zeit und bleibe außerdem möglichst flexibel? Oft genügt ein Griff zum Smartphone, um mir mithilfe digitaler Planungstools schnell einen Überblick zu verschaffen. Apps wie der DB Navigator oder Google Maps zeigen mir mögliche Routen im Vergleich und berücksichtigen neben Dauer und Kosten nützliche Informationen wie Umstiege, Störungen und Verzögerungen. Speziell für die Region bietet zudem der KVV eine eigene Anwendung namens regiomove an, die verschiedene Mobilitätsangebote vor Ort vernetzt: Nutzer*innen haben über einen Account sofortigen Zugriff auf alle verfügbaren Leistungen – von ÖPNV über Carsharing bis hin zu Bike- und E-Scooter-Services«, erklärt Oliver Wolf, Geschäftsführer der verantwortlichen Agentur raumobil aus Karlsruhe. Mit Funktionen wie Swipe2Go für noch einfacheres Ein- und Auschecken, dem Pendlerpiloten, der bei Störungen auf der Strecke recht-zeitig informiert, und der geplanten Integration von KI-Tools soll die App zukünftig noch komfortabler in der Nutzung werden.
Äußerst praktisch, schließlich wird nicht jede Strecke gleich oft genutzt. So möchte ich zu einem geschäftlichen Termin unbedingt pünktlich kommen, ein privates Treffen hingegen gehe ich wesentlich entspannter an. Und wo ein kurzer Umstieg mit leichtem Gepäck gut zu schaffen ist, wird er unterwegs mit dem Kinderwagen schnell zum Problem.

Da ich fast alle meine täglichen Wege zu Fuß erledige, lerne ich in der Innenstadt Karlsruhe wirklich alle Ecken kennen. Vor allem, wenn es Umwege bei Bauarbeiten gibt. Wenn Autos eine Minute Umweg haben und Radfahrende zwei bis drei Minuten, müssen wir zu Fuß manchmal richtig Zeit einplanen, weil wir nun mal langsamer sind.
Martina (Innenstadt)

Auch Gefühlssache
Ein und derselbe Weg kann sich also völlig unterschiedlich für uns anfühlen. Und je nach Zeit, Entfernung oder Wetter gehen wir ihn am einen Tag zu Fuß, nehmen am nächsten das Fahrrad und springen die Woche drauf spontan lieber in die Straßenbahn. Mobilität bedeutet also, flexibel zu bleiben, und zwar körperlich sowie in unserem Denken. Neben äußeren Faktoren hängt sie nämlich auch von unserer Stimmung ab: Habe ich nach einem anstrengenden Arbeitstag noch Lust, das Sofa für ein Glas Wein bei Freunden zu verlassen? Ist mein Kopf wirklich frei genug für meinen abendlichen Pilates-Kurs? Oft entscheidet unser Gefühl darüber, ob wir uns aufraffen oder zurückziehen – und damit auch, wie nah wir am Alltag und an anderen Menschen bleiben.


Teilhabe mitdenken
Für manche ist Mobilität jedoch keine Frage der Entscheidung, sondern der Möglichkeiten. Menschen mit Behinderungen, Senior*innen und Familien mit Kinderwagen sind hier auf alternative Lösungen angewiesen: Stufenlose Eingänge, automatische Türen oder Aufzüge an Bahnen mit Treppen lassen sie am öffentlichen Leben teilhaben und sind ein wichtiger Schritt in Richtung Inklusion.
Die Fächerstadt arbeitet daran zurzeit unter anderem im Projekt Karlsruhe barrierefrei, das Informationen zu barriere-freien Orten in einer Web-App zentral bündelt und jederzeit zugänglich macht. »Es kommt dabei auch auf kleine Details wie die Breite einer Eingangstür an«, erklärt Projektkoordinator Artur Budnik. »Karlsruhe ist groß. Und da zukünftig immer mehr Stellen in die App aufgenommen werden sollen, freuen wir uns über jede Mithilfe.« Wer sich also freiwillig beteiligen möchte, bekommt die Anwendung einmal genau erklärt und kann das Portal anschließend selbständig um wichtige Hinweise ergänzen.
Karlsruhe barrierefrei
Die Web-App Karlsruhe barrierefrei informiert live und damit sekundengenau:
Sie möchten Teil der Community werden und die Barrierefreiheit in Karlsruhe weiter vorantreiben? Dann melden Sie sich direkt unter mobilitaet@sjb.karlsruhe.de

Karin (Grötzingen)

Mathilda (Weststadt)
Mobilität der Zukunft
Damit Teilhabe gelingt, braucht es nicht nur einmalige Maßnahmen, sondern konsequentes Mitdenken in der Stadtplanung. Supermarkt und Apotheke um die Ecke, Haltestellen für Bus und Tram auf der gegenüberliegenden Straßenseite sowie Kitas und Schulen in fußläufiger Nähe – wer in Karlsruhe lebt, hat fast alles, was er im Alltag braucht, unmittelbar verfügbar und muss sich daher kaum über das eigene Viertel hinausbewegen. Mobilität fühlt sich in der Stadt der kurzen Wege somit vergleichsweise komfortabel an. Während an wichtigen Knotenpunkten wie dem Hauptbahnhof oder dem Bahnhof Durlach sogenannte Mobility Hubs verschiedene Verkehrsmittel und Mobilitätsangebote miteinander verknüpfen, sind ähnliche Lösungen auch in den Quartieren geplant. Im Karlsruhe Mobility Lab bündeln Expertinnen und Experten der TechnologieRegion Karlsruhe (TRK) und der Stadt ihre Kom-petenzen, um die Entwicklung innovativer Ideen und Konzepte im Sinne der Mobilitätswende voranzutreiben: »Die unterschiedlichen Perspektiven aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung sind entscheidend für die Weiterentwicklung des öffentlichen Verkehrs«, betont Jochen Ehlgötz, Geschäftsführer der TRK GmbH.
Mobilitätsportal der TRK
Hier werden Infos rund um den Karlsruher Verkehr für eine nachhaltige und flexible Planung gesammelt.

Die 15-Minuten-Stadt beschreibt ein Leitbild in der Stadtplanung, bei dem alltägliche Ziele wie Arbeitsplatz, Einkaufsmöglichkeiten, Bildungseinrichtungen und Orte zur Freizeitgestaltung räumlich nah beieinander liegen.
Mehr dazu im Räumlichen Leitbild der Stadt Karlsruhe.
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