Klimakolumne

Hand aufs Herz: In Karlsruhe diskutieren wir gerne. Baustellen, Parkgebühren, Marktplatz, Platanen, Staatstheater – und natürlich die Turmbergbahn. Die Liste ließe sich mühelos verlängern. Über Bus und Bahn reden wir meist erst, wenn etwas schiefgeht. Wenn eine Bahn ausfällt, ein Bus zu spät kommt, eine Linie gestrichen wird. Dabei ist der öffentliche Nahverkehr ausgerechnet dann am erfolgreichsten, wenn wir ihn kaum bemerken. Solange Busse und Bahnen zuverlässig von A nach B rollen, halten sie den Alltag leise zusammen. Sie bringen uns zur Arbeit, zur Schule, zum Arzt oder zum Treffen mit Freunden. Sie machen das unspektakulär, ohne großes Aufsehen. Genau das ist ihre Stärke – und ihr Problem. Denn was selbstverständlich funktioniert, verschwindet aus unserem Blick.

Grafik Eisbär im Wasser Illustration

Stellen wir uns einen normalen Werktag ohne Bus und Bahn vor. Die Straßen wären dichter, lauter, nervöser. Mehr Autos, mehr Stau, mehr Lärm. Für viele würde Mobilität zur Frage des Geldbeutels, der Gesundheit, der Wohnlage. Spätestens dann würden wir hitzig diskutieren, warum es in einer Stadt wie Karlsruhe keinen funktionierenden Nahverkehr gibt – und welche gigantischen Baustellen nötig wären, um ihn aufzubauen.

Ein leistungsfähiger öffentlicher Nahverkehr ist weit mehr als ein Verkehrsmittel. Er ist soziale Infrastruktur: Er hält Städte beweglich, schafft Teilhabe und entlastet Straßen wie Umwelt. Er sorgt dafür, dass nicht jeder Weg ein Auto braucht. Damit wird er zu einer stillen Voraussetzung für Klimaschutz und ein lebenswertes Karlsruhe. Denn: Jeder volle Bus ersetzt viele Autos. Jede gut ausgelastete Bahn spart täglich Energie, Fläche und Emissionen. Trotzdem gilt der ÖPNV in der politischen Debatte vor allem als Kostenfaktor. Straßen hingegen gelten als Investition, Busse und Bahnen als Zuschussgeschäft. Diese Logik ist bequem, aber falsch. Was wir Zuschuss nennen, ist in Wahrheit eine Investition in Freiheit, Gesundheit und Zukunftsfähigkeit. Der öffentliche Nahverkehr ist kein Luxus. Er ist eine leise Errungenschaft des Alltags, auch wenn nicht jeder Tag reibungslos verläuft. Vielleicht sollten wir ihn nicht erst wertschätzen, wenn er ausfällt. Genau darin liegt die Kunst der Selbstverständlichkeit: das Wertvolle im Gewohnten zu erkennen, bevor es fehlt.

Professor Doktor Alexander Pischon Portrait

Prof. Dr. Alexander Pischon Vorsitzender
der Geschäftsführung der Verkehrsbetriebe Karlsruhe

In unserer Klimakolumne geht die miteinander-Redaktion gemeinsam mit meinungsstarken Gästen
der Frage nach, wie wir alle klimafreundlicher leben können. Und was unser Alltag hier und
heute mit der Entwicklung des Weltklimas zu tun hat.

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